Lesung Roman Grafe in Schönberg am 22.1.2010

ROMAN GRAFE
Gutachten Roman Grafe zu Michael Heinze
eine Beurteilung eines Experten zum menschenrechtsverletzenden Grenzregieme der ehemaligen DDR, seiner Helfershelfer und Kader.

Bücher von Roman Grafe | >> |
|>>zurück>>|


Heinzes Schießbefehle
und die „Effektivität der Grenzsicherung“

Zur Verantwortung des Schönberger Bürgermeister Michael Heinze für das DDR-Grenzregime schreibt der Buchautor Roman Grafe:


Der Schönberger Bürgermeister Michael Heinze (SED – derzeit unter dem Pseudonym „Die Linke“ aktiv) war seit 1975 bei den Grenztruppen der DDR. Von 1986 an war Hauptmann Heinze (stellvertretender) Stabs-Chef des Grenzregiments 24 (Salzwedel). Vom 1988 an war Major Heinze Stabs-Chef des Grenzregiments 6 (Schönberg) und somit Stellvertretender Regimentskommandeur.

Während der Dienstzeit Michael Heinzes und unter seiner Mitwirkung wurden Hunderte von DDR-Flüchtlingen im Bereich der Grenzregimenter Salzwedel und Schönberg festgenommen und der SED-Justiz übergeben. [siehe Stastistik der "Grenzverletzerbewegung" in StA Berlin II, Anklage im Prozeß gegen Schabowski u. a., Az. 25/2 Js 20/92 Ks - Seite 1076] Die gescheiterten Flüchtlinge mußten in der Regel mehrjährige Haftstrafen erleiden.
Dazu kommen verletzte und getötete Flüchtlinge im Bereich dieser Regimenter, darunter der 20jährige Reiner Borgis, getötet am 15. Oktober 1978 durch eine Selbstschußanlage bei Mechau (GR 24) sowie Harry Weltzin, ebenfalls durch Splitterminen getötet am 4. September 1983 bei Kneese (GR 6). [zu den Fällen Borgis und Weltzin siehe: Urteil des LG Stendal 24.5. 2000, Az. 502 Ks - 654 Js 41887/98 - 9/98] Für beide Tötungen war Michael Heinze nicht direkt verantwortlich – er trägt aber eine moralische Mitschuld, weil er zu dieser Zeit das Grenzsicherungs-System der DDR unterstützt hat.

Überdies ist es als Zufall zu bezeichnen, daß es infolge der von Michael Heinze als (stellvertretender) Stabs-Chef mit ausgearbeiteten Schießbefehle nicht zur Ermordung von DDR-Flüchtlingen gekommen ist:
Als (stellvertretender) Stabs-Chef war es die Aufgabe Michael Heinzes, die sogenannten Jahresbefehle 20 des Regimentskommandeurs maßgeblich mit auszuarbeiten. Die Jahresbefehle 20 waren die Grundsatzbefehle zur Grenzsicherung auf Regimentsebene. In diesen Befehlen wurde regelmäßig gefordert, keine Grenzverletzungen zuzulassen, sondern „Grenzverletzer“ festzunehmen oder zu vernichten. [zur Verantwortung eines Stabs-Chefs und zum Befehl 20 siehe: Urteil des LG Berlin vom 21.8. 2000, Az. (529) 27 Js 2/99 Ks (19/98)] Noch bis 1989 wurden infolge der Befehle 20 an der DDR-Grenze Flüchtlinge erschossen.

Einen Einblick in die Tätigkeit des Stabs-Chefs Heinze gibt sein Lagebericht vom 21. Juni 1988 (Militärarchiv Freiburg, GTÜ 16707): Sieben Grenzverletzer seien allein im Mai ´88 festgenommen worden, zweien sei der Grenzdurchbruch gelungen. Infolgedessen kritisierte Major Heinze in seinem Bericht die „inkonsequente Einstellung zur Erfüllung erteilter Befehle“ und forderte „die weitere Erhöhung der Effektivität der Grenzsicherung“. Gleichzeitig verkündete Genosse Heinze, „besonders zu erwarten sind Angriffe von Grenzverletzern unter Anwendung der Gewalt gegenüber eingesetzten Grenzposten“. Die – angesichts der meist unbewaffneten Flüchtlinge – absurde Behauptung der drohenden „Anwendung von Waffengewalt gegenüber Grenzposten“ (Heinze im Juli ´88) kann auch verstanden werden als die bewährte indirekte Aufforderung an die Soldaten, beim Einsatz der Schußwaffe nicht zu zögern – nach dem Motto: Wer zuerst schießt, lebt länger ...
Wer Macht so mißbraucht hat wie Michael Heinze, sollte keine neue Macht erhalten.

Nachtrag Januar 2010 -
Lesung vom 22.1.2010 in Schönberg / Mecklenburg

Ein Grenztruppen-Offizier der DDR als Bürgermeister im demokratischen Rechtsstaat - das ist keine Mecklenburger Provinzbagatelle. Das erfolgreiche Durchmarschieren Michael Heinzes in Schönberg ist ein deutsches Lehrstück: Gezeigt werden die anhaltende Schamlosigkeit eines Diktaturschergen, die eiskalten Machtstrategien der umbenannten SED und die Gleichgültigkeit des Publikums. ´Was stören uns die Leichen im Keller, wenn Herr Heinze uns heute als Bürgermeister nützlich ist?´, fragen jene, denen schon in der DDR das Schicksal gescheiterter Republikflüchtlinge egal war. Ein Armutszeugnis, auch für die Schönberger Nichtwähler, die den Erfolg des Pg. Heinze mit ermöglicht haben. Und die gewendete SED-Presse übt sich weiter in Propaganda. Sie mobilisiert mit Leser-Haßbriefen den Mob gegen Aufklärer wie den Alt-Hamburger und Neu-Schönberger Helmut Preller. Doch Wahrheit schafft sich ihren Raum, wenn heute nicht, dann übermorgen.

Roman Grafe, September 2009/Januar 2010

Pressemitteilung zur Lesung Roman Grafe am 22.1.2010
in Schönberg / Mecklenburg ->>

 

Roman Grafe, Autor der Bücher „Die Grenze durch Deutschland. Eine Chronik von 1945 bis 1990“ (Siedler-Verlag 2002) und „Deutsche Gerechtigkeit. Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlsgeber“ (Siedler-Verlag 2004).

Bücher von Roman Grafe:

"Die Grenze durch Deutschland. Eine Chronik von 1945 bis 1990" (Siedler-Verlag 2002)

"Deutsche Gerechtigkeit. Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlsgeber" (Siedler 2004)

"Die Schuld der Mitläufer. Anpassen oder Widerstehen in der DDR" (Pantheon-Verlag 2009)

Dokumentarfilm:
"Eingeschlossen, abgeriegelt. Die Grenze durch Deutschland" (D 2007)

Pressemitteilung zur Lesung Roman Grafe am 22.1.2010
in Schönberg / Mecklenburg ->>

Sehr geehrte Damen und Herren,

nachfolgend die Pressemitteilung zu meiner Lesung "Keine Opfer, keine Täter?" am kommenden Freitag in Schönberg, wo ein Regimentskommandeur der DDR-Grenztruppen und Stasi-IM Bürgermeister ist - siehe:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-67036827.html

Freitag, 22.01.2010
Bereits am Nachmittag (13.40 - 15.10 Uhr) spreche ich im Schönberger Ernst-Barlach-Gymnasium mit Schülern über dieses Thema. Am Abend 19:00 Palmberghalle Schönberg.

Veranstalter: BStU, Außenstelle Rostock
http://www.bstu.bund.de/cln_028/nn_712460/SharedDocs/Veranstaltungen/Region-Rostock/2201__schoenberg__lesung.html
Mitveranstalter: Stadt Schönberg

Keine Opfer, keine Täter?

Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlsgeber.
Lesung und Gespräch mit Roman Grafe

„Mord bleibt Mord - auch wenn er befohlen wird!“ Mit diesem Satz hatte der West-Berliner Senat in den sechziger Jahren gegen die Todesschüsse an der Mauer protestiert. Doch nach der Wiedervereinigung Deutschlands endeten die meisten Prozesse gegen DDR-Grenzschützen mit Bewährungsstrafen oder Freisprüchen. Selbst oberste Befehlsgeber verurteilte man wegen Totschlags an „Republikflüchtlingen“ nur zu milden Haftstrafen. Kaum einer war bereit, die juristische Verantwortung zu übernehmen. Was sich nicht leugnen ließ, wurde ideologisch verklärt oder verharmlost. Rechtsanwälte verteidigten nicht die Täter, sondern die Taten. Der Autor Roman Grafe zeigt auf, was getan und was unterlassen wurde bei dem Versuch, die Toten und Verletzten an der Westgrenze der DDR zu sühnen. „Ein eindrucksvolles Geschichtsbuch ... kunstvoll und nüchtern.“ (FAZ)
An diesem Abend soll auch auf das Zusammenwirken von Staatssicherheitsdienst und Grenztruppen eingegangen werden sowie auf die Verantwortung des Grenztruppen-Offiziers und Schönberger Bürgermeisters Michael Heinze.

Freitag, 22.01.2010,
Bereits am Nachmittag (13.40 - 15.10 Uhr) spreche ich im Schönberger Ernst-Barlach-Gymnasium mit Schülern über dieses Thema.
Am Abend 19:00 Palmberghalle Schönberg, Rudolf-Hartmann-Straße 2a

Veranstalter: BStU, Außenstelle Rostock
http://www.bstu.bund.de/cln_028/nn_712460/SharedDocs/Veranstaltungen/Region-Rostock/2201__schoenberg__lesung.html

Mitveranstalter: Stadt Schönberg

Zum Autor:

Roman Grafe, geboren 1968 im Nordosten der DDR, übersiedelte im Januar 1989 nach Bayern. Von 1995 an dokumentierte er Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlsgeber für den Hörfunk der ARD und für die „Süddeutsche Zeitung“. 2002 erschien im Siedler-Verlag sein Buch „Die Grenze durch Deutschland“, „eine faszinierende Chronologie“ („Neue Zürcher Zeitung“). Zuletzt veröffentlichte er als Herausgeber "Die Schuld der Mitläufer. Anpassen oder Widerstehen in der DDR". (Pantheon-Verlag 2009)


PS: Ein Foto des Buchcovers läßt sich von der Homepage des Siedler-Verlages per Download beziehen
http://www.randomhouse.de/author/author.jsp?per=73026