... oder warum ein Major der Grenztruppen der DDR
kein Mitleid mit den Opfern des Todesstreifens durch Deutschland
hat.
Ex-Offiziere als sogenannte "Zeitzeugen" im Grenzmuseum
Schlagsdorf
Das Transkript der Live-Sendung NDR-Info v. 27.10.2009:
Sprecher (S) Grenzenlos im Norden. Vor genau zwanzig Jahren ist
die innerdeutsche Grenze gefallen und wir sind in dieser Woche unterwegs
an der ehemals deutsch-deutschen Grenze von der Ostsee bis zum Harz.
Gestern war unserer Reporter Carsten Vick auf dem Priwall, heute
steht er an einer ehemaligen Grenzanlage in Schlagsdorf. Die meisten
Zäune und Mauern sind ja nun vor zwanzig Jahren schnell abgerissen
worden. Was genau ist denn in Schlagsdorf noch zu sehen?
Carsten Vick CV: Genau das ist hier noch zu sehen. Ich stehe nämlich
noch vor zwei großen Teilen der Berliner Mauer, die hier wieder
aufgestellt wurden. Es ist ein Museum, das Grenzhus, eine große
Außenanlage, wo man sich all das mal genau anschauen kann,
was diese deutsch-deutsche Grenze doch ausmachte. Große Mauer
Stücke, wie gesagt ein, ein Beobachtungsturm, eine Hundelaufanlage,
natürlich der Metallgitterzaun, all das kann man hier in einem
wirklich sehr umfangreichen Museum sehn und was man noch kann, man
kann mit Zeitzeugen sprechen, die diese Zeit ja wirklich hautnah
miterlebt haben – und das werden wir gleich tun. Aber zunächst
hören wir ganz kurz wie das klang damals, wenn man in der DDR
lebte. So wurde die Arbeit der Grenzsoldaten in einem Film dargestellt: Tag für Tag, Nacht für Nacht schützen die
Soldaten der nationalen Volksarmee das Grenzgebiet vor allen Anschlägen
des Gegners. Treu, pflichtbewusst und mit hohem militärischen
Können vereiteln sie die gegnerischen Versuche, die Staatsgrenze
der DDR durchlässig zu machen.
Soweit dieser kleine Ausschnitt aus einem Film für die
DDR-Grenztruppen, ein Propaganda oder Image-Film, ganz wie man will.
Wir stehen vor dem Bewachungsturm, der ebenfalls vor dem Grenzhuus
steht und gehen mal in dieses Gebäude hinein, die eine Treppe
nach oben bis wir dann oben die Aussichtsplattform dieses Grenzturmes
erreicht haben – so – jetzt sind wor also oben angekommen
und haben in der Tat eine gute Aussicht, machen die Luke dicht und
das macht für mich Bernd Chudaska. Guten Morgen Herr Chudaska.
Sie sind gewesen Major der DDR-Grenztruppen, wie viele Tgae, Jahre
haben Sie in einem solchen Turm verbracht, um sozusagen rauszugucken
und um zu kontrollieren?
Bernd Chudaska (BC): Ich habe von 1975 bis 1979 ab und zu mal auf
solch einem Turm Dienst gemacht. Dann nachher auf anderen Dienststellungen
da wurden andere Aufgaben erfüllt, hier an der Grenze.
CV: Hatten Sie damals Zweifel an Ihrer Tätigkeit als DDR-Grenzsoldat?
BC: Nein. Zweifel nicht – äh – es war damals mein
Wunsch gewesen Offizier zu werden und ich habe dann diesen Dienst
auch durchgeführt – äh – im Nachhinein –
äh mmmh – denkt man über einige Dinge, die an der
Grenze passiert sind, etwas nach und muss die neu beurteilen.
CV: Welche Dinge wären das?
BC: Das wären einmal die Masse des Baus der Sperranlagen hier
an der Grenze, mit den dazugehörenden Bewaffnung, Minen. Dann
– den Einsatz der Schusswaffe.
CV: Mußten Sie die Schusswaffe benutzen?
BC: Nein, die ganze Zeit nicht.
CV: Wenn Sie daran denken, wie viele Menschen vielleicht auch bei
der Flucht geschnappt wurden, ins Gefängnis kamen, wie viele
auch ums Leben gekommen sind, würden Sie denn aus heutiger
Sicht sagen, zumindest dieser Teil des DDR-Systems war menschenverachtend?
BC: Äh – es gab in der DDR Gesetze und jeder hatte diese
Grenze zu akzeptieren und auch die Gesetzgebung dazu wie alle anderen
Sachen auch zu beachten waren.
CV: Sie haben ja hier nun auch Schulklassen, die Sie zum Teil über
dieses Museum, über diese Außenanlage führen, was
sagen Sie denen, was kommt dafür in Frage, müssen Sie
sich da nicht auch Vorwürfe gefallen lassen, was Sie und die
Kollegen gemacht haben, wenn Sie Leute daran gehindert haben, das
Land zu verlassen, wenn die Leute ins Gefängnis gekommen sind
zum Beispiel? Was müssen Sie sich da alles anhören?
BC: Ja, es werden manchmal solche Fragen gestellt. Vorwürfe
brauche ich mir nicht machen. Ich habe damals in diesem Staat gelebt,
ich habe die Gesetze und die Vorschriften zu beachten gehabt. Damals
das war die Zeit und man hat in dieser Zeit gelebt, mit der Grenze
gelebt und als Angehöriger der Grenztruppe hatte man die Vorschriften
durchzusetzen.
CV: Kennen Sie so etwas wie Mitleid für Leute, die ums Leben
gekommen sind an der Grenze durch die Grenze, die verhaftet worden
sind und jahrelang im Gefängnis gesessen haben?
BC: Ich hab schon gesagt, das muss jeder mit sich selbst ausmachen.
CV: Aber Sie haben kein Mitleid?
BC: Was heißt hier Mitleid? Ich sag mal – äh –
man hätte viele Sachen anders machen können, sicherlich.
CV: Besten Dank, Bernd Chudaska, ehemaliger Major der DDR-Grenztruppen,
mit seiner Sicht der Dinge. – Ebenfalls bei uns hier oben
Anette Heimat-Ladendorf, Sie leitet die Ausstellung hier im Grenzhuus.
Frau Heimat-Ladendorf, ist das genau das was wir eben gehört
haben, auch Sinn und Zweck, dass man hier auch Meinungen hört,
wie diese, von Herrn Chudaska?
Anette Heimert-Ladendorf (AHL): Anliegen dieses Museum ist es,
die DDR-Geschichte, die Teilung Deutschlands realistisch wiederzugeben.
Und zu dem Zweck lassen wir natürlich auch Zeitzeugen zu Wort
kommen, und das sind Zeitzeugen, die eben – äh –
berichten, was sie damals erlebt haben.
CV: An wen genau richtet sich diese Ausstellung?
AHL: Ja unsere Zielgruppe sind junge Leute, eben nach der Wende
geborene - äh, wie Schüler, Studenten, die – äh
– von der deutsch-deutschen Geschichte kaum noch etwas wissen.
Zuhause wird über dieses Thema auch kaum gesprochen und die
sollen die Möglichkeit bekommen, ebend in unserem Museum über
diese Geschichte etwas zu erfahren.
CV: Besten Dank, Anette Heimert-Ladendorf und Bernd Chudaska noch
mal, hier vom Grenzmuseum in Schlagsdorf – zurück ins
Studio.
Sprecher: Ja, Grenzgeschichten aus dem Norden, das war Carsten
Vick, live aus Schlagsdorf. Morgen geht seine Reise weiter an die
Elbe.
Dunkel hängen die Wolken an diesem Morgen über Schlagsdorf.
Hier, in gut sieben Metern Höhe, geht der Blick weit: Über
grüne Felder, herbstlich bunte Bäume, der Wind pfeift
durchs offene Fenster. Bernd Chudaska genießt die Aussicht.
Früher konnte er das nicht: Der heute 58-Jährige war DDR-Grenzer,
zum Ende der Republik im Range eines Majors.
Heute ist Bernd Chudaska zurückgekommen auf diesen Wachturm,
von dem aus er in die Nacht spähte, von dem aus er Kontrollstreifen
ging. Zur Verteidigung der DDR gegen Eindringlinge und die bösen
Einflüsse des Westens - oder zur Abwehr von Republikflüchtlingen,
je nach Sichtweise. "Jeder hat da seinen eigenen Blickwinkel,
jeder muss selbst wissen, was er dazu denkt", sagt Chudaska
immer wieder. Und erzählt seine Geschichte. Eine Geschichte,
in der viel von Pflicht die Rede ist, von Gesetzen und von den Umständen
einer anderen Zeit.
Die Geschichte beginnt Anfang der Siebzigerjahre. "Ich bin
hier in der Gegend groß geworden. Da wächst man mit der
Grenze auf. Und so viele Arbeitsplätze gab es hier nun auch
nicht. Es war ein völlig normales Betätigungsfeld",
erklärt Chudaska seine Berufswahl: Er will Grenzer werden,
besucht drei Jahre die Offiziersschule in Plauen und kommt 1975
zurück nach Schlagsdorf. "Das hier war damals mein Abschnitt",
erinnert er sich heute, wenn er über die Felder blickt.
Die ganze Gegend war zu Zeiten der deutsch-deutschen Teilung nur
für wenige zugänglich: Sperrgebiet, Hochsicherheitszone,
und teilweise: Todesstreifen. "Die Grenze, das war schon spannend.
Wir wussten ja nicht, was hier genau passiert, da hatte keiner eine
genaue Vorstellung", sagt Chudaska. Schnell wird ihm das nach
seinem Dienstantritt aber bewusst. Fluchtversuche, Verrat, Spionage
- sehr schnell bemerkt der junge Mann, was für einen Beruf
er da gewählt hat. "Die Schusswaffe musste ich nie benutzen",
versichert der heute 58-Jährige.
Er möchte seine damalige Tätigkeit nicht herunterspielen.
Aber er möchte auch nicht in eine Ecke gedrängt werden:
"Ich muss mir keine Vorwürfe machen. Wir haben dafür
gesorgt, dass die Gesetze unseres Landes eingehalten werden. Die
Gesetze hat jeder gekannt. Das Bewachen der Grenze war für
uns ein ganz normaler Vorgang."
Und dass Hunderte beim Fluchtversuch ums Leben gekommen, Tausende
jahrelang hinter Gittern verschwunden sind? Dass sie teilweise nach
heutigem Verständnis unmenschlich behandelt wurden? "Sicherlich
hätte man viele Dinge anders machen können. Aber ich war
ja nur für die Durchführung zuständig." Mitleid
mit den Opfern? Darauf gibt es nur eine Gegenfrage: "Was heißt
hier Mitleid? Hätte ich mich nicht an die Gesetze halten sollen?"
Chudaska macht Karriere in den Grenztruppen. In den Achtzigerjahren
leitet er Dienststellen, ist meist im Büro. "Ich kenne
viele, die sich wegducken und heute nicht mehr sagen, was sie damals
gemacht haben. So bin ich nicht. Ich stehe dazu", betont der
dreifache Familienvater. Er sagt das ruhig, ohne aufdringlich oder
aufbrausend zu sein, aber seine Worte sind bestimmt. Er duldet Widerspruch
- beirren lässt er sich nicht.
Auch wenn Chudaska vieles geärgert hat, damals. "Natürlich
wurden auch wir von der Stasi überwacht, die hatten überall
ihre Spitzel. Und das war ja eines der Probleme der DDR: Selbst
wir Grenztruppen wurden wieder überwacht, und die, die uns
überwachten, hatten wahrscheinlich auch wieder einen Aufpasser."
Viel sei verschwiegen worden, vor allem die Fälle, wenn sich
eigene Kameraden in den Westen absetzten, weil sie natürlich
die besten Chancen hatten. "Aber das war nun mal die Zeit damals",
sagt Chudaska. Das sagt er immer wieder.
Immer wieder betont er auch, dass er der DDR nicht nachtrauere.
"Das Volk hat diese Wende gewollt, und die DDR-Politik hatte
lange nicht auf dieses Volk gehört. Deswegen war das doch logisch",
so seine Argumentation. Auch an der Grenze seien Fehler gemacht
worden - "die scharfe Bewaffnung, die riesigen Sperranlagen,
das Nicht-Verhältnis zu den Grenzkollegen auf der anderen Seite"
- heute denke er nun mal über einiges anders, betont der 58-Jährige.
"Zum Beispiel, dass ich den Gruß der Bundesgrenzschutz-Kollegen
nicht erwidern durfte - da war schon vieles merkwürdig."
Die Bundesrepublik hat ihm - zumindest beruflich - wenig Glück
gebracht. Ein Jahr arbeitet er noch für die Bundeswehr, im
"Auflösungskommando Ost." Am 3. Oktober 1991 geht
Bernd Chudaska einfach nach Hause und weiß nicht genau, was
er machen will. Sehr unemotional erzählt er heute über
diese Zeit, "wir waren halt überflüssig. Da ging
halt eine Lebensabschnitt zu Ende, aber man musste ja gucken, wo
man bleibt."
Die Arbeit an der Grenze bleibt ihm allerdings weiter erhalten:
Chudaska heuert bei einer privaten Firma an, die im Auftrag des
Bundes die Grenzanlagen nach und nach abbaut. "Jetzt war eben
nicht mehr meine Aufgabe, die Grenze zu bewachen, jetzt ging es
darum, meine Familie zu ernähren." Fast sechs Jahre dauert
der Grenz-Rückbau, dann ist Bernd Chudaska erst mal arbeitslos.
Seitdem hat er viel versucht: Umschulung auf Speditionskaufmann,
LKW-Fahrer, Bauarbeiter, sogar die Selbstständigkeit - nichts
hat über längere Zeit Erfolg. Jetzt ist er wieder arbeitslos.
Hin und wieder führt er Schulklassen über das Gelände
des Grenzhus-Museums in Schlagsdorf. Ein Areal, auf dem die Geschichte
von damals noch einmal lebendig werden soll. Hier steht auch der
Beobachtungs-Turm, auf den Chudaska heute zurückgekehrt ist.
Was er den Schulklassen erzählt? "Alles, ungeschminkt,
wie es eben war und wie ich es erlebt habe - aber ohne politische
Einordnung." Und eines, das betont er, sei ihm besonders wichtig:
"Die Jugendlichen sollen merken, dass Grenzen gefährlich
sind. Das weiß ich aus meiner eigenen Geschichte."
Autorin/Autor: Benjamin Großkopff, NDR Info
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